Mobilisieren, statt jammern!

Am 21. Januar wird in Leipzig ein neuer hochschulpolitischer Akteur die Bühne betreten. Mit dem „Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft“ soll den zum ewigen Nachwuchs infantilisierten Beschäftigtengruppen des „Mittelbaus“ – von „Hilfskräften“ bis Juniorprofessor*innen – eine bundesweite Stimme verliehen werden.
Das klingt nicht sonderlich aufregend – und doch ist es eine kleine Revolution. Im feudalen Ständesystem Hochschule haben verschiedene Gruppen ihre Sprachrohre. Die HRK spricht für die Fürst*innen, der Hochschullehrerverband für den sonstigen Adel, und der FZS für die ohnehin extrem heterogenen Studierenden. Doch wer spricht für die große Gruppe der mehr oder weniger prekären wissenschaftlich Tätigen, den, wenn man so will, „Dritten Stand“?
Über diese Gruppe wird viel gesprochen, ihr Lamento ist in den Feuilletons angekommen: in einer Wissensgesellschaft sei es ein Skandal, dass die tragenden Säulen unter miserablen Bedingungen beschäftigt sind, mit unsicheren Berufsperspektiven, viel unbezahlter Arbeit, Familienunvereinbarkeit, verschärftester Konkurrenz, Stress und Exzellenzwahn.
Doch wo bleibt das Aufbegehren der sich fleißig Beschwerenden? Es gibt einige engagierte gewerkschaftliche Akteure und vielleicht zwei Dutzend „Mittelbauinitiativen“ in Hochschulen und Fachgesellschaften. Aber – noch – ist deren Konfliktfähigkeit und -aktivität begrenzt. Das liegt an den Beschäftigungsbedingungen selbst, der mit feudalen Abhängigkeiten gepaarten prekär-mobilen Extremkonkurrenz im akademischen Kapitalismus. Es liegt aber auch an den illusionären Subjektivitäten der Betroffenen. Der Schritt vom Jammern zum Mobilisieren fällt ihnen noch schwerer als gut versorgten deutschen Beamt*innen. Vielen erscheint es aussichtsreicher, doch noch schnell irgendein Paper dem CV hinzuzufügen, als sich auf wirkliches Engagement einzulassen, und sei es noch so niedrigschwellig.
Doch spätestens nach dem letzten Reförmchen am WissZeitVG ist klar: Wenn der Mittelbau nicht selber Stopp sagt, sondern weiter seinen Illusionen hinterherjagt, wird sich nichts ändern. Er muss endlich eine echte Konfliktfähigkeit entwickeln. Im Klartext: streikfähig werden. Die Lufthansa-Pilot*innen und GDL-Lokführer*innen könnten dem akademischen Mittelbau ein Vorbild sein. In Leipzig wird sich zeigen, ob der längst überfällige wichtige Schritt gelingt, Sichtbarkeit, Sprechfähigkeit für sich selbst und bundesweite Vernetzung herzustellen. Organisieren wir uns endlich!

Erschienen in:
Ullrich, P. (2017). Mobilisieren, statt jammern! Zeit Chancen Brief – 19. Januar 2017Online.

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