Ende einer Debatte vor ihrem Beginn

Replik auf die Jungle-World-Kritik an meinem Gutachten zur Arbeitsdefinition Antisemitismus der IHRA

In der Jungle World vom 14.11.2019 wird in einem Artikel, der durch grob tendenziöse und manipulative Darstellungen geprägt ist, über mein Gutachten zur „Arbeitsdefinition Antisemitismus“ der IHRA berichtet. Zum Gutachten selbst erfährt man in dem Artikel sehr wenig, insbesondere nicht zu seinen umfangreichen erkenntnistheoretischen und antisemitismustheoretischen Einwänden gegen die Arbeitsdefinition, die grundlegende Kriterien einer guten Definition nicht erfüllt. Vielmehr wird mir „nach Halle“ Paternalismus und Unsensibilität beim Thema Antisemitismus im Allgemeinen und die Leugnung des Antisemitismus in der Linken und bei Muslimen im Besonderen vorgeworfen. Vor allem störe mich, Positionen im Palästinakonflikt könnten fälschlich als antisemitisch klassifiziert werden. Das kann nicht unwidersprochen stehenbleiben.

Das Gutachten umfasst zwölf Seiten Text. Mindestens die ersten sieben Seiten widmen sich der Notwendigkeit und Geschichte der Arbeitsdefinition, ihrer formalen Struktur und ihren sprachlichen Unstimmigkeiten und nicht zuletzt den Leerstellen der Definition, die in mancher Hinsicht durchaus zu eng ist (es fehlen in ihr Hinweise u.a. auf weltbildhaften Charakter des Antisemitismus, auf Einstellungen, Mobilisierungs- und Diskriminierungspraxen usw.). Dass ein quantitativ relevanter Teil des Gutachtens sich dann auch mit den Beispielen mit Bezug zum Nahostkonflikt auseinandersetzt, hat einen ganz schlichten Grund: diese Schwerpunktsetzung nimmt auch die IHRA-Arbeitsdefinition selbst vor (sieben ihrer elf Beispiele haben einen Bezug zu Israel oder zum Nahostkonflikt). Das Gutachten konstatiert, dass dieser Kontext der Entstehung und Verbreitung von Antisemitismus sehr stark betont wird, während andere, wichtige Entstehungskontexte von Antisemitismus wie das Christentum und insbesondere der Rechtsextremismus keine oder nur beiläufige Erwähnung in der Definition finden. Umso mehr erstaunt, dass der Autor Simon Castle die Ereignisse des rechtsradikalen antisemitischen Terrors in Halle heranzieht, um meinem Gutachten einen Relativierungsvorwurf hinsichtlich des Antisemitismus im Allgemeinen zu machen. Aber auch für israelbezogenen Antisemitismus geht der Vorwurf ins Leere.

Meine Kontextualisierung der Entstehung der Arbeitsdefinition Antisemitismus in einer Welle antijüdischer Gewalt seitens migrantischer Täter*innen in Westeuropa scheint Castle jedenfalls ebenso entgangen zu sein wie diese zusammenfassende Einschätzung: „Diese Notwendigkeit [der Erfassung und Bekämpfung antisemitischer Vorfälle], auch hinsichtlich der israelbezogenen Aspekte, besteht weiterhin, weil die Problemlage zweifelsohne immer noch vorhanden ist (nachträgliche Hervorhebung), während die Erfassungspraktiken hochgradig uneinheitlich bis widersprüchlich sind“. Auch zu antisemitischem Antizionismus von links steht im Gutachten unmissverständlich:

 „Die Forschung konnte zeigen, dass es einen Antizionismus gibt, der den Zionismus und Israel nicht als jüdischen Nationalismus kritisiert, sondern als jüdischen Nationalismus ablehnt, als Grundübel der Welt dämonisiert und in ein verschwörungstheoretisches Weltbild einordnet. Dort auftretende Deutungsmuster wie die Einordnung des Zionismus als bloße Ausprägung des Rassismus oder die manichäische Gegenüberstellung Zionismus (als machtvoller, «künstlicher» und deshalb illegitimer Nationalismus) vs. «die Völker», die als «natürlich» und deshalb legitim (aber unter anderem durch «die Zionisten», «die USA» usw. unterdrückt) konstruiert werden, entsprechen der Sinnstruktur des Antisemitismus. Solche Deutungen finden sich insbesondere im stalinistischen Antizionismus (Holz 2001: Kap. XII) und seinen Nachwirkungen in der neuen Linken und Teilen der Palästinasolidarität (für die deutschsprachigen Länder vgl. Kloke 1994; Reiter 2001; Späti 2005; Ullrich 2008).“

Gutachten zur Arbeitsdefinition Antisemitismus der IHRA, S. 13, online

Meine Erörterung der Frage, ob die antisemitischen Positionen im Nahostkonflikt mit der Arbeitsdefinition erfasst werden können, oder ob es angesichts anderer relevanter Quellen von Feindschaftsdynamiken (bspw. den realen, nationalistischen Konflikt um Rechte, Land, Ressourcen, Lebenschancen usw.) auch Grauzonen und fälschlich als Antisemitismus klassifizierte Vorfälle gibt, wird als Bestreiten der Existenz und Bedeutung von Antisemitismus umgedeutet. In meinem Fall, angesichts einer viele Jahre währenden Auseinandersetzung auch mit Antisemitismus in der Linken, empfinde ich das als ehrverletzend. Aber vor allem ist es schlicht falsch.

Auch der im Artikel erhobenen Paternalismusvorwurf, ein Unbeteiligter erkläre Juden, was Antisemitismus sei, irritiert. Antisemitismus ist ein Problem vor allem für Jüdinnen und Juden. Er ist aber auch ein Problem der antisemitisch strukturierten Gesellschaft. Die Auseinandersetzung mit ihm sollte selbstverständlich nicht an Jüdinnen delegiert, sondern als selbstverständlicher Auftrag für diese Gesellschaft begriffen werden. Inwiefern die Auseinandersetzung mit Antisemitismusdefinitionen durch Nichtjuden problematisch sein soll, erschließt sich nicht.[1] Eine Analyse der heterogenen Debatte zeigt jedoch, dass unter Juden wie unter Nichtjuden politische Positionierungen die Sichtweisen bestimmen, Sichtweisen die bestenfalls bedingt mit Herkunft oder Zugehörigkeit zu tun haben.

Ich äußere mich hier nicht weiter zu den tief unterlaufenen journalistischen Standards im Jungle-World-Artikel (z.B. die fehlende Möglichkeit der Aufklärung auf meiner Seite und angesichts des umstrittenen Gegenstands die extrem einseitige Auswahl von Experten, die Dominanz von ad personam und an meine Institution gerichteten Argumenten anstelle inhaltlicher Argumente, die ungekennzeichnete Übernahme eines Satzes aus dem Gutachten). Stattdessen empfehle ich, das von Simon Castle grob verzerrt dargestellte Gutachten selbst zu lesen.

Peter Ullrich

Berlin, 19.11.2019

Postskriptum – Zum Gegenstand einer möglichen Debatte, die nicht miteinander geführt wird:

Hinter der verzerrten Deutung meines Gutachtens im Hinblick auf den israelbezogenen Antisemitismus steht m.E. ein Muster, das man Ebenenreduktionismus oder Themenessenzialisierung nennen könnte. In der Kritik, mit einer ähnlichen Stoßrichtung andernorts auch von Ingo Elbe oder Claudia Globisch formuliert, wird das Gesamtthema essenzialisierend und exklusiv auf seine ideologische Komponente (insbesondere Antisemitismus) festgelegt. Ein großer Teil der Erörterungen im Gutachten hat (durch die Beispiele der Definition evoziert) aber auch verschiedene weitere Bezugsthemen, die sich aus der komplexen Konstellation ergeben: Zionismus und Antizionismus, den Nahostkonflikt und die Besatzung als Herrschaftskonflikt, Gewaltdynamiken und Feindbildverfestigungen, Nationalismus und Rassismus – um nur einige zu nennen. Wer sich auf eine reduktionistische Anwendungsart der ohnehin reduktionistischen Arbeitsdefinition einlässt oder die Beispiele schlicht und ohne Beachtung des Kontexts als mit der Kerndefinition gleichrangige Definitionskriterien behandelt, kann dies einfach alles als irrelevant erklären und jedes als unangemessen bewertete Handeln und Deuten auch im Nahostkonflikt (per definitionem) unter Antisemitismus subsummieren. Wer eine sozialwissenschaftliche Position einnimmt, die sich der komplexen Konstellationen aller sozialen Phänomene in ihrem jeweiligen historischen Kontext bewusst ist, wird jedoch etwas komplexer fragen, ob und wie diese Phänomene sich überlagern (können) und zusammenwirken, aber zugleich auch, welchen distinkten Motiven, Dynamiken und Tradierungen sie jeweils unterliegen. Die Debatte ist weiter aktuell, mehr Klarheit wäre vonnöten. Dis Diskussion wird aber angesichts der Fraktionierungen in der Forschung fast nicht im kritischen, lagerübergreifenden Austausch geführt.


[1]     Dieses identitätspolitische Argument erstaunt besonders im Diskursraum der Jungle World. Hatte doch gerade das „israelsolidarische“, „ideologiekritische“ oder „antideutsche“ Spektrum der Linken immer wieder auf die problematischen Implikationen solcher Standpunktpolitik hingewiesen und – in einer bisweilen auch starken Überdehnung dieser Kritik – für das Konzept der Definitionsmacht, beispielsweise in Critical-Whiteness-Ansätzen bisher eher Häme übrig.

PS2: In der Jungle World zeichnet sich inzwischen eine Debatte zum Thema ab. Zuerst geantwortet hat Matthias Berek (ZfA), dann Hanno Plass. Ich dokumentiere alle Beiträge und Reaktionen gemeinsam mit denen aus anderen Medien hier.

2 Gedanken zu „Ende einer Debatte vor ihrem Beginn

  1. Pingback: Ist Corbyn eine Gefahr für das jüdische Leben? - Peter Nowak

  2. Pingback: Gutachten zur „Arbeitsdefinition Antisemitismus“ der IHRA | peter ullrich | textrecycling

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